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Das Hoppeditz-Denkmal

28.05.2020

Das Hoppeditz-Denkmal auf dem Hoppeditz-Plätzken

 Der laue Spaßvogel
Da hockt er, der Hoppeditz, auf seinem schwankenden Thron, der an die Schädelhäufungen der Katakomben erinnert, wie der Weltrichter selbst beim Jüngsten Gericht. Doch wo sein Lästermaul eigentlich anarchisch die Welt verlachen sollte, grinst er nun hausbacken. Seine Aufstellung wurde durchgesetzt, obwohl ihn der Kunstbeirat abgelehnt und ihm eine Empfehlung verweigert hatte, und sogar die Grünen ihn als »Unter dem Niveau des Künstlers« schmähten. (Alle Fotos: Stefan Arendt, MZR)

 




Kopf transplantiert
Die Vorsitzende des Fördervereins Düsseldorfer Karneval, Hille Erwin, Gattin des damaligen OBB, hatte 2005 den Bildhauer Bert Gerresheim beim katholischen Weltjugendtag für ihre Idee eines Hoppeditz-Denkmals begeistern können. Gerresheim legte 2006 Skizzen der Figur vor und stieß auf Ablehnung bei den Auftraggebern. Daraufhin änderte er seinen Entwurf und präsentierte im März 2007den revidierten Kopf. Als bekannt wurde, dass der Bildhauer seinen Entwurf nach den Wünschen der Auftraggeber geändert hatte, trug diese Konzilianz wesentlich zu weiterer Kritik bei.

 




Alles gut
Im Ur-Entwurf war die Narrenmütze noch eine mit der aufgerissenen Klappe verwachsene Linnenhülle, denn der Erznarr braucht gar kein eigenes Antlitz. Wie viele verschiedene Gesichter die Narretei aufzubieten hat, das zeigt uns die barocke Bildfülle seines Sockels zur Genüge. Mit dem süßlichen Facelifting aber war für den Düsseldorfer Heimatfreund die Welt wieder in Ordnung, und er erkannte plötzlich im milden Alltagsgesicht des skulptierten Spaßvogels sogar sein Lieblingskind, den jungen, romantischen Harry, ein »populäres Urbild des jungen Heine«.

 




Der Narr ist radikal
Hätte unser Hoppeditz noch seinen wahren Kopf, der in der ursprünglichen Konzeption nichts weiter als eine Chiffre für das Lachen an sich, für Hohn, Spott, Infamie und Befreiung war, und in dessen dreistem Maul all das kulminierte, was im ikonografischen Beiwerk aufwändig beigefüllt wird, so hätte man die tieferen Dimensionen des Denkmals mühelos erkannt.
Im Wortsinn ihres Hauptes beraubt sind nun die Attribute, Beigaben und sinnigen Verschachtelungen mit der Erfüllung solchen Anspruches auf sich allein gestellt.

 




Der rote Riss
So offeriert der Hoppeditz den Narrenspiegel, aus dessen Fläche sich der lachende Tod hervorstülpt, dazu der Kasper und der Bergische Löwe. Eine eigenwillige Trinität, die den Bürger zum Hinterfragen seiner Rolle im Lebensspiel verleiten soll. Dazu hält er die Pritsche, mit der er gern Kopfschläge verteilt, damit das Denken angeregt werde Das gesamte Ensemble ist von oben bis unten von einem rot markierten Riss durchzogen, der zu irritierenden Verschiebungen führt und an eine Zeile Leonard Cohens erinnert: »There is a crack in everything – that’s how the light gets in«.

 




Die Atlanten
Unter dieser Plattform aus berühmten Büchern ragen quasi als tragende Atlanten die ersten Gesichter, Köpfe und Masken hervor. Es sind der Bergische Löwe, einige Masken, wie wir sie aus dem venetianischen Karneval oder der Baseler Fasnacht her kennen.Tragende Funktion hat auch der triumphierende Tod als Schädel, den wir schon aus dem Stadterhebungsmonument kennen.

 




Der Turm der Köpfe
Die tragende Säule des Hoppeditz-Denkmals ist der Turm der Köpfe. Hier sind die Portraits der berühmten Spaßmacher aus verschiedenen Zeiten versammelt. Die frühen Stummfilmschelme. Donald Duck als Comic-Tollpatsch und die großen Bühnenclowns Grock und Charlie Rivel. Eine Steilvorlage für Fremden- und Stadtführer ist das Hoppeditz-Denkmal mit seiner überbordenden Fülle der Persönlichkeiten, die auf dem Sockel versammelt sind. Ein Fundus für Zitate, Anekdoten und Aha-Erlebnisse. Wer erkennt wen?

 

 



Die tragischen Figuren
Dann finden wir die tragischen Narren der Kirchengeschichte. So etwa Girolamo Savonarola (1452-1498), der als Bußprediger durch die Lande zog und kein Blatt vor den Mund nahm, wenn es galt Mißstände anzuprangern. Zunächst vom Volk bejubelt, wurde er später öffentlich hingerichtet. Auch Filippo Neri (1515-1595) ist dabei, um dessen Leben sich skurrile Anekdoten ranken. Selbst die Schädel makaber greinender, klerikaler Dörrleichen aus den italienischen Katakomben sind eingestreut: Totlachen über das irdische Ende hinaus.

 

 



Das Kappen-Bouquet
Je weiter der Blick nach unten gleitet, desto mehr lösen sich die Masken, die von den Rollenspielen und dem Verstellen der Menschen künden und von der Kluft zwischen Schein und Sein, in einer Häufung von Kopfbedeckungen auf. Das Spiel mit den Hüten, das Gerresheim ja schon bei seinem Stadterhebungsmonument und dem Düsselgitter freimütig trieb, erfährt nun am Fuße des Denkmals nochmal eine Ausweitung. Hier mischen sich die Kappen, Mitren, Helme und Mützen zu einem Bouquet, das den Turm trägt.

 




Adabeis
Auch die Kappen gehören zu den Verkleidungen der vom Narr verlachten Windbeutel, Rosstäuscher, Angeber und Selbstdarsteller. Und – man glaubt es nicht – eben der Eitelkeiten solcher Klientel wurde auf das Beste gefrönt: Auf den Stirnen von Masken, auf Hüten und Assessoires haben sich all jene Adabeis mit ihren Namen verewigt, von denen wir Düsseldorfer tagtäglich in der Presse lesen müssen. Die örtliche Karnevals- und Eventprominenz hat ihre Sponsorenprahlerei in die Bronze ritzen lassen.

 

 

Ein Dank an Wolfgang Funken
Der Beitrag über das Hoppeditz-Denkmal stammt aus einem umfangreichen Kapitel aus der Ars Publica Düsseldorf von Wolfgang Funken. Alle in diesem Beitrag abgebildeten Fotos stammen von Stefan Arendt aus dem Medienzentrum Rheinland.

 

 

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